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Es passiert nicht oft, dass eine Studie zu HJMD erscheint. Umso spannender ist eine Arbeit, die im Juli 2026 im Journal of Clinical Medicine veröffentlicht wurde – aus dem Meyer-Kinderkrankenhaus in Florenz.

Ein Team aus Augenärzt:innen, Humangenetiker:innen und Dermatolog:innen hat zwei Kinder mit CDH3-bedingter Netzhautdystrophie über einen ungewöhnlich langen Zeitraum begleitet: den einen Jungen über 4 Jahre, das andere Mädchen über 15 Jahre. Genau diese Langzeitbeobachtung macht die Arbeit für uns interessant – die meisten bisherigen Veröffentlichungen sind Momentaufnahmen.

Was gefunden wurde

Beide Kinder zeigten das typische Bild: eine scharf begrenzte Atrophie am hinteren Augenpol, die sich nicht in die Netzhautperipherie ausbreitete. Dazu die bekannte Kombination mit spärlichem Haarwuchs. Bei einem der beiden fiel zusätzlich eine leichte Krümmung der kleinen Finger auf.

Genetisch fanden sich zwei unterschiedliche Veränderungen im CDH3-Gen. Bei der zweiten Patientin konnten die Forschenden eine Variante, die bisher als „unklare Bedeutung" eingestuft war, endgültig als krankheitsverursachend einordnen – ein kleiner, aber konkreter Beitrag für die Diagnostik.

Die eigentlich bemerkenswerte Beobachtung

Bei beiden Kindern blieb die Sehschärfe über den gesamten Zeitraum stabil. Auch die Netzhautdicke und die ERG-Messungen veränderten sich kaum. Nur die sehr feine Mikroperimetrie zeigte bei einem Patienten eine langsame funktionelle Verschlechterung.

Die Autor:innen leiten daraus ab, dass es sich bei CDH3 wahrscheinlich eher um eine Störung des retinalen Pigmentepithels handelt als um eine breitflächige, fortschreitende Netzhautdegeneration.

Warum das Hoffnung macht

Der Punkt, der mich am meisten beschäftigt: Wenn die Peripherie der Netzhaut tatsächlich erhalten bleibt, ist das genau die Ausgangslage, die man sich für eine Gentherapie wünscht. Die Autor:innen sprechen das ausdrücklich an – eine subretinale Gentherapie könnte theoretisch auf gesundem Gewebe aufsetzen.

Und die Einordnung

Bei aller Freude: Es sind zwei Kinder. Die Autor:innen sagen selbst deutlich, dass sich daraus keine allgemeinen Regeln ableiten lassen. Beide Patienten sind außerdem noch jung – dieselbe Arbeit erwähnt in der Einleitung, dass HJMD üblicherweise zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahrzehnt zur gesetzlichen Blindheit führt. 15 Jahre Stabilität sind wunderbar, aber sie sind noch nicht das ganze Leben.

Was die Arbeit für mich trotzdem wertvoll macht, ist etwas anderes: Sie zeigt, wie sehr es sich lohnt, wenn Augenheilkunde, Genetik und Dermatologie gemeinsam auf einen Fall schauen. Genau das führte hier zur richtigen Diagnose.

18-jähriger Chinese aus Hangzhou, China.
Sein rechtes Auge hatte noch fast normales Sehen (80%), während das linke Auge bereits auf 20% Sehkraft gefallen war — innerhalb von nur zwei Jahren verschlechterte sich das rechte Auge weiter auf 50%, das linke blieb stabil. Im Gentest fanden sich zwei neue, bisher unbekannte CDH3-Varianten in compound-heterozygoter Konstellation. Mit moderner Multimodal-Bildgebung konnten die Ärzte detailliert dokumentieren, wie die ORTs im rechten Auge innerhalb von zwei Jahren in eine diffuse Makulaatrophie übergingen. Der Fall unterstreicht, dass das ORT-Stadium ein potenzielles therapeutisches Zeitfenster darstellt, bevor der irreversible Photorezeptorverlust einsetzt.

Zum Original Artikel (extern)

Ein 6-jähriges saudi-arabisches Mädchen aus einer konsanguinen Ehe (Cousin/Cousine ersten Grades) zeigte:

  • Kongenitale Hypotrichose (spärliches Kopfhaar seit Geburt)
  • Nachtblindheit ab dem 1. Lebensjahr
  • Intermittierendes Esotropie links, Hyperopie beidseits
  • Fehlender Milchzahn #54, gingivale Pigmentierung

zur Publikation (extern)

HJMD entsteht durch Fehler im CDH3-Gen, das für das Haftmolekül P-Cadherin zuständig ist.
Wenn die Zelle fehlerhafte mRNA frühzeitig abbaut (NMD-aktiv), bleibt sie stabil – kein Protein, aber auch kein Schaden.
Späte oder unvollständige Abbrüche erzeugen dagegen verkürzte, giftige Proteine, die die Netzhaut schädigen.
Die stabilen Fälle zeigen: bei CDH3 ist „nichts besser als etwas“ – vollständiger Ausfall schützt, Teilfunktion gefährdet.
mehr dazu:
HJMD a none read through candidate

Ich habe eine neue Patienteninformation geschrieben,
als Update. 

Auszug:
HJMD ist eine seltene, erblich bedingte Erkrankung, die durch Mutationen im CDH3-Gen entsteht und zu dünnem, spärlichem Haar sowie einem fortschreitenden Sehverlust an der Makula führt. Bei Betroffenen fehlen oder funktionieren die Zellhaftungsproteine (P-Cadherin) nicht richtig, was die Haarwurzeln und besonders die Netzhaut anfällig macht. Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und wird nicht nur vom Gendefekt bestimmt, sondern auch von körpereigenen Schutzmechanismen und Lebensstilfaktoren. Antioxidativer Schutz (z. B. AREDS-2, Omega-3, Taurin) sowie UV-Schutz gelten als zentrale Maßnahmen, um die Netzhaut möglichst lange zu erhalten. Trotz fehlender kausaler Therapie gibt es aktive Forschungsansätze wie Gen- und Zelltherapie, während eine gute medizinische Begleitung, Lebensstil und regelmäßige Augenchecks die Lebensqualität unterstützen.

zur Patienteninformation: Understanding HJMD – A Patient Information Guide

Die beiden Brüder zeigen das typische Bild von HJMD: seit Kindheit spärliches Kopfhaar und eine früh einsetzende Makuladystrophie. Eine homozygote CDH3-Mutation bestätigt die Diagnose; weitere systemische Auffälligkeiten fehlen.

zur Publikation: Hypotrichosis with Juvenile Macular Dystrophy in 2 Brothers

Die Studie untersucht seltene genetische Erkrankungen der Haut, Haare, Zähne und Augen, darunter HJMD, das durch CDH3-Mutationen verursacht wird. Bei HJMD treten neben früh einsetzender Makuladystrophie oft auch spärliches Haarwachstum und – neu beschrieben – vermehrt Mikrozephalie und Wachstumsverzögerungen auf.

Zur Publikation: https://doi.org/10.1007/s00431-025-06497-8

A boy, who is now 17 years old, became conspicuous as a seven-year-old with severely impaired vision. At the age of 15, his vision was almost identical and further genetic diagnostics were carried out, which ultimately led to the diagnosis of HJMD.

http://iovs.arvojournals.org/article.aspx?articleid=2806882